Dynamischer Stromtarif: So funktioniert die Abrechnung
Redaktion stromvermittlung.de · Börsenpreise: Bundesnetzagentur/SMARD · Tarifpreise: eigene Erhebung, Stand
Bei einem dynamischen Tarif hat jede Stunde des Jahres ihren eigenen Preis. Abgerechnet wird deshalb nicht mit einem Arbeitspreis, sondern Stunde für Stunde: verbrauchte Menge mal Preis dieser Stunde, achttausendsiebenhundertsechzig Mal im Jahr. Das klingt aufwendig, ist aber vollständig nachvollziehbar, denn der Preis jeder Stunde steht schon am Vortag fest und ist öffentlich. Diese Seite zeigt, wie daraus ein Rechnungsbetrag wird, warum der Abschlag nur eine Schätzung sein kann und wie Sie die Abrechnung selbst nachprüfen.
Das Wichtigste in Kürze
- Abgerechnet wird stundenscharf: Der Smart Meter liefert die Menge je Stunde, der Börsenpreis dieser Stunde liefert den Preis.
- Der Preis jeder Stunde steht am Vortag fest und ändert sich danach nicht mehr. Nichts davon wird rückwirkend bestimmt.
- Der Börsenpreis ist nur ein Teil. Rund 19,95 ct/kWh entfallen nach unserer Erhebung auf Netzentgelte, Steuern, Abgaben und den Anteil des Anbieters. Dieser Teil fällt in jeder Stunde an, auch in einer günstigen.
- Der Abschlag ist eine Schätzung, weil der Preis erst nach der Lieferung feststeht. Die Jahresabrechnung schwankt deshalb stärker als bei einem Festpreistarif.
- Sie können jede Position nachrechnen. Die Börsenpreise je Stunde veröffentlichen wir täglich unter Börsenstrompreis.
Wie der Preis einer Stunde entsteht
Am Vormittag jedes Tages wird an der Strombörse für jede der 24 Stunden des Folgetags ein Preis ermittelt. Dieser Day-Ahead-Preis ist das Ergebnis aus Angebot und Nachfrage: Wie viel Wind- und Solarstrom wird erwartet, wie hoch wird der Verbrauch sein, welche Kraftwerke müssen zusätzlich laufen. Steht der Preis einmal fest, ändert er sich nicht mehr.
Ihr Anbieter gibt diesen Preis weiter und legt seinen Aufschlag darauf. Was Sie in einer Stunde tatsächlich je Kilowattstunde zahlen, setzt sich damit aus vier Teilen zusammen, von denen nur einer beweglich ist.
| Bestandteil | Ändert sich stündlich? | Woran er hängt |
|---|---|---|
| Börsenpreis der Lieferstunde | ja | Angebot und Nachfrage am Vortag. Kann null oder negativ werden |
| Aufschlag des Anbieters | nein | steht im Vertrag, je Kilowattstunde oder in der Grundgebühr enthalten |
| Netzentgelte | nein | Ihr Netzgebiet, jährlich neu festgesetzt |
| Steuern, Abgaben und Umlagen | nein | bundeseinheitlich geregelt |
Die Netzentgelte Ihres Bundeslands stehen unter Netzentgelte, die Zusammensetzung des Strompreises insgesamt auf Dynamische Stromtarife.
Zwei Stunden im Vergleich
Wie stark sich das auswirkt, zeigt der Vergleich der im Mittel günstigsten mit der im Mittel teuersten Stunde des Tages. Beide Werte stammen aus unseren Börsendaten der letzten 7 Tage.
- Börsenpreis der Stunde
- fester Teil: Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Anbieteranteil (rund 19,95 ct/kWh)
Der bewegliche Teil schwankt um 19,40 ct je Kilowattstunde, der feste Teil bleibt gleich. Das ist der Grund, warum ein dynamischer Tarif nie den ganzen Preisunterschied der Börse an Sie weitergibt: Er bewegt nur den Anteil, der überhaupt beweglich ist.
Was diese Rechnung nicht ist. Sie ist eine Näherung, kein Angebot. Der feste Teil ist bei uns die Differenz zweier eigener Messgrößen und enthält damit auch die Marge eines Festpreistarifs. Ihr tatsächlicher Preis hängt an Ihrem Netzgebiet und am Aufschlag Ihres Vertrags. Was am Ende zählt, steht in Ihrem Vertrag, nicht in einer Modellrechnung.
Was auf der Rechnung steht
Eine Monatsrechnung besteht aus drei Blöcken, und nur der erste ist stündlich aufgelöst.
- Verbrauch nach Stunden. Für jede Stunde des Abrechnungszeitraums: Menge mal Preis. In der Regel finden Sie auf der Rechnung nur die Summe, die Einzelwerte stehen im Kundenportal oder in der App des Anbieters.
- Grundgebühr des Tarifs. Ein fester Betrag pro Monat, unabhängig vom Verbrauch. Bei den überregional buchbaren dynamischen Tarifen liegt sie nach unserer Erhebung zwischen 10,56 € und 19,79 € im Monat.
- Messstellengebühr. Die Gebühr für den Smart Meter, für Haushalte bis 6.000 kWh in der Regel 20 € im Jahr. Sie zahlen sie an den Messstellenbetreiber, oft über die Stromrechnung eingezogen. Einzelheiten unter Smart Meter.
Von der Summe dieser drei Blöcke werden die bereits gezahlten Abschläge abgezogen. Was übrig bleibt, ist die Nachzahlung oder die Erstattung.
Abschlag und Jahresabrechnung
Hier liegt der Punkt, an dem dynamische Tarife am häufigsten missverstanden werden. Bei einem Festpreistarif kennt der Anbieter den Arbeitspreis für die gesamte Laufzeit und kann den Abschlag danach ausrechnen. Bei einem dynamischen Tarif kennt er ihn nicht, weil der Preis erst mit der Lieferung entsteht.
Der Abschlag ist deshalb immer eine Annahme über den durchschnittlichen Preis der kommenden Monate. Liegt der tatsächliche Börsenpreis darüber, wächst mit jedem Monat eine Lücke, die erst die Jahresabrechnung sichtbar macht. Liegt er darunter, entsteht ein Guthaben, das ebenso lange unbemerkt bleibt.
Der umgekehrte Fall gehört genauso dazu: Wer den Abschlag zu hoch ansetzt, gibt dem Anbieter über ein Jahr einen zinslosen Kredit. Beide Seiten dieser Rechnung sprechen für dasselbe Vorgehen, nämlich hinzusehen statt zu warten.
Abrechnung selbst nachprüfen
Anders als bei einem Festpreistarif können Sie hier jede einzelne Position gegenprüfen, denn der Preis einer Stunde ist öffentlich bekannt. Nötig sind dafür drei Dinge: Ihre Stundenwerte, die Börsenpreise derselben Stunden und der Aufschlag aus Ihrem Vertrag.
- Stundenwerte holen. Im Kundenportal Ihres Anbieters oder direkt beim Messstellenbetreiber. Sie haben ein Recht auf diese Werte. Nehmen Sie einen überschaubaren Zeitraum, ein einzelner Tag genügt für eine Stichprobe.
- Börsenpreise danebenlegen. Die Day-Ahead-Preise je Stunde stehen bei uns unter Börsenstrompreis, wir erheben sie täglich. Achten Sie darauf, dieselbe Stunde zu vergleichen: Gemeint ist immer die Stunde der Lieferung, nicht die der Preisfeststellung.
- Stichprobe rechnen. Menge der Stunde mal Preis der Stunde. Suchen Sie sich zwei bis drei Stunden heraus, am besten eine sehr günstige und eine sehr teure, dort fallen Fehler am ehesten auf.
- Differenz einordnen. Ihr Preis wird über dem reinen Börsenpreis liegen, das ist richtig so. Der Abstand muss aber dem entsprechen, was Ihr Vertrag als Aufschlag und als feste Bestandteile nennt, und er muss in jeder Stunde gleich groß sein. Ein Abstand, der von Stunde zu Stunde wandert, ist der Punkt, an dem Sie nachfragen sollten.
Zwei häufige Stolpersteine. Erstens die Zeitzone: Börsendaten werden oft in UTC geführt, Ihre Zählerwerte in deutscher Zeit. Eine Stunde Versatz erklärt die meisten scheinbaren Abweichungen. Zweitens die Umsatzsteuer: Prüfen Sie, ob die verglichenen Werte beide brutto oder beide netto sind.
Unterschied zum Festpreistarif
| Festpreistarif | Dynamischer Tarif | |
|---|---|---|
| Arbeitspreis | ein Wert für die Laufzeit | ein Wert je Stunde |
| Preis steht fest | bei Vertragsschluss | am Vortag der Lieferung |
| Abschlag | berechenbar | geschätzt, sollte angepasst werden |
| Jahresabrechnung | schwankt mit dem Verbrauch | schwankt mit Verbrauch und Preis |
| Nachprüfbar | nur der Verbrauch | Verbrauch und Preis, Stunde für Stunde |
| Zähler | jeder Zähler | intelligentes Messsystem nötig |
Der letzte Punkt der Tabelle ist der, den man leicht übersieht: Ein dynamischer Tarif ist der einzige Stromtarif, bei dem Sie den Preis nachprüfen können, statt ihn glauben zu müssen. Das ist der Preis für die Schwankung, und für manche ist es ein guter Tausch.
